Wie geht es weiter mit dem Kapitalismus?
War es nicht der Wettbewerb, den Adam Smith vor 250 Jahren ins Leben rufen wollte, als er den Grundstein für den Kapitalismus legte? Heute erfolgt dieser Wettbewerb hauptsächlich in quantitativer Richtung. Das Wirtschaftswachstum ist nötig, damit Löhne, Sozialleistungen und natürlich auch Gewinn erwirtschaftet werden können. Die Politiker haben ja schließlich die Sicherung unseres Wohlstandes versprochen.
Die technologische Entwicklung hat inzwischen den Markt überholt. Seit einigen Jahren besteht mit der globalen Vernetzung die Möglichkeit, dass alle Menschen ihren Bedarf direkt an den Produzenten übermitteln können, der die Waren just in time bereitstellt. Das gab es bis vor einigen Jahren nicht. Bis dahin war es nötig, die Waren auf den Markt zu tragen, wo sie mit dem Lohn erworben werden mussten. Diesen Markt brauchen wir heute nicht mehr.
Wir haben ein perfekt funktionierendes Vorbild, die Reproduktion. Innerhalb der Versorgung der Familien gibt es keinen Markt. Das, was benötigt wird, wird gemacht. Mit Sorge für die Menschen und die Erde. Niemand würde auf die Idee kommen, seiner Familie täglich drei Gerichte zur Auswahl anzubieten, nur damit mehr gegessen und weggeworfen wird. Niemand putzt zweimal hintereinander das Bad. Wir sehen also, es funktioniert ganz ohne den Markt.
Die große Frage ist: Wie kommen wir dorthin, bevor die Erde untergeht?
Machen wir es doch genauso wie in den Familien. Die Hausfrau oder der Hausmann schreibt weder Rechnungen an seine Familienmitglieder, noch machen sie Lohnabrechnungen.
Was würde denn passieren, wenn wir das in der Wirtschaft genauso handhaben? Weltweit von einem Tag zum anderen? Genauso wie in den Familien das Essen wären dann alle Produkte der Wirtschaft kostenlos. Für Geschenke muss keine Werbung gemacht werden und der Wettbewerb würde sich anstatt auf Überproduktion auf die Entwicklung langlebiger und recycelbarer Produkte konzentrieren. Jeder Mensch wäre bedingungslos versorgt.
Diesen Übergang in die Postwachstumsgesellschaft würden wir kaum bemerken, denn dazu ist keine Vergesellschaftung nötig. Das Eigentum würde von ganz alleine seine ausschließende Funktion verlieren, weil mit den Einkünften aus Eigentum nichts mehr gekauft werden könnte. Was bleibt, ist nur noch die Verantwortung.
Die Annahme unbegrenzter Bedürfnisse
Ein häufig vorgebrachter Einwand gegen Modelle einkommensunabhängiger oder kostenloser Versorgung lautet, dass bei Wegfall von Preisen und Einkommen der Bedarf ins Unermessliche wachsen müsse. Diese Annahme beruht implizit auf der Vorstellung unbegrenzter menschlicher Bedürfnisse und eines entsprechend unbegrenzten Konsumverhaltens.
Diese Vorstellung ist jedoch empirisch und theoretisch nicht zwingend haltbar.
Bedarf versus Nachfrage
In der ökonomischen Theorie wird häufig nicht zwischen Bedarf (use-oriented needs) und Nachfrage (zahlungsfähige Nachfrage) unterschieden. Im Kapitalismus erscheint Bedarf ausschließlich in der Form von Nachfrage, das heißt als durch Einkommen und Preise vermittelte Größe.
Überproduktion im Kapitalismus ist daher nicht Ausdruck eines übermäßigen Bedarfs auf Seiten der Nutzer, sondern Resultat einer angebotsgetriebenen Produktionsweise. Die Produktion erfolgt nicht primär zur Deckung vorhandener Bedürfnisse, sondern zur Realisierung von Tauschwert und zur Sicherung von Kapitalverwertung.
Angebotsinduzierte Überproduktion
Empirisch lässt sich zeigen, dass zentrale Mechanismen der heutigen Überproduktion auf der Angebotsseite liegen. Dazu zählen insbesondere:
- geplante Obsoleszenz, die die Nutzungsdauer von Produkten künstlich verkürzt,
- aggressive und psychologisch optimierte Werbung, die neue Bedürfnisse erzeugt oder bestehende verstärkt,
- Produktdifferenzierung ohne funktionalen Mehrwert, die Absatzzyklen verkürzt,
- institutionalisierter Wachstumsdruck infolge kreditbasierter Finanzierung.
Diese Mechanismen dienen nicht der Bedürfnisbefriedigung, sondern der Stabilisierung kontinuierlicher Absatzmärkte.
Genügsamkeit als empirische und anthropologische Konstante
Die Annahme unbegrenzter Bedürfnisse widerspricht zudem anthropologischen und soziologischen Befunden. In nahezu allen Gesellschaften zeigt sich, dass menschliche Bedürfnisse jenseits eines gewissen materiellen Niveaus relativ stabil sind. Studien zur Lebenszufriedenheit weisen darauf hin, dass zusätzlicher Konsum oberhalb einer Grundversorgung nur begrenzte Effekte auf Wohlbefinden hat.
Genügsamkeit ist dabei nicht als moralische Kategorie zu verstehen, sondern als strukturelle Eigenschaft menschlicher Bedürfnisbildung. Menschen streben nach Sicherheit, sozialer Anerkennung, Sinn und Selbstwirksamkeit – nicht nach unbegrenztem materiellen Besitz.
Konsumverhalten unter Bedingungen direkter Versorgung
Unter Bedingungen direkter, einkommensunabhängiger Versorgung entfällt der Anreiz zur Statuskompensation durch Konsum, da Einkommen und Besitz ihre soziale Signalfunktion verlieren. Zugleich verlieren Werbung und Markenbildung ihre ökonomische Funktion, da Absatzsicherung nicht mehr erforderlich ist.
Der materielle Bedarf würde sich unter solchen Bedingungen voraussichtlich an realen Nutzungsanforderungen orientieren: langlebige, reparierbare und qualitativ hochwertige Güter würden den kurzfristigen Ersatzkonsum ersetzen.
Überproduktion als systemisches Phänomen
Überproduktion ist daher nicht Ausdruck menschlicher Maßlosigkeit, sondern Ergebnis eines Systems, das auf kontinuierliche Kapitalverwertung angewiesen ist. In einem System, in dem Produktion unmittelbar an realen Bedarf gekoppelt ist und nicht an Absatz, entfällt der strukturelle Anreiz zur Überproduktion.
Die Befürchtung eines unkontrollierten Nachfragewachstums verkennt somit den grundlegenden Unterschied zwischen einer wertvermittelten Produktionsweise und einer gebrauchswertorientierten Versorgung.
Hier wird die generelle Funktionsweise in einem Dialog zwischen Helena und Maya erklärt
Die Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus aus marxistischer Sicht
Hier gibt es noch ein kleines Erklär-Video (5 Minuten)
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Berlin, den 09.01.2026
Eberhard Licht
Also, ich könnte mir diese Welt gut vorstellen. Ich nähe sehr gerne, aber in meiner Familie braucht niemand etwas. Wenn wirklich alle mit dem demokratisch kontrollierten Internet verbunden wären, und jemand eine Hose braucht, könnte er doch eine Anforderung schicken und eine vertrauenswürdige KI würde diese Anforderung zu mir weiterleiten, weil sie weiß, dass ich gerne nähe. Ich würde ihm dann eine Hose nähen und wäre froh, etwas nützliches gemacht zu haben, worüber sich jemand freut. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich dann immer mal ein Foto bekomme, wo er mit der neuen Hose war.
Also ich wünsche ihnen viel Erfolg mit diesem Plan!
Herzliche Grüße, Hanna
Was bei der Hose funktioniert, muss noch lange nicht beim Smartphone klappen. Einen Smartphone herzustellen erfordert:
– Seltene Erden aus China
– Chip-Fertigung in Taiwan
– Display-Produktion in Südkorea
– Software-Entwicklung global verteilt
– Logistik über Kontinente
– Tausende spezialisierte Zulieferer
Das Ganze ohne Geld zu koordinieren ist ein Alptraum!
Aber ich wünsche ebenso viel Erfolg mit diesem Plan!
Das Besondere an diesem Plan ist ja gerade, dass es nicht wie beim Sozialismus frustrierende Enteignungen geben muss, die zum Chaos führen könnten, denn das Eigentum wird von alleine überflüssig. Aber dazu muss man alles lesen. In Punkt 5 ist genau beschrieben, dass es beim Übergang überhaupt keine Veränderungen gibt. Seltene Erden und Chips werden weiterhin geliefert. Warum auch nicht, wenn es keine Preiskämpfe mehr gibt? Werden die seltenen Erden natürlich unter unmenschlichen oder umweltschädlichen Bedingungen gewonnen, dann dauert es vielleicht ein halbes Jahr länger, bis ein neues Handy verfügbar ist, bis diese Bedingungen verbessert sind.
Wichtig ist auch Punkt 4.6. Die Grenzen unserer Vorstellungskraft.
Gerade das Geld ist der Alptraum, das Preisdumping und Ausbeutung des globalen Südens ermöglicht.
Naja es gibt viele Idee für eine Gesellschaft ohne Geld. Leider scheitern die oft an der Umsetzung, da Geld auch Vorteile hat. Ich selber war ein Freund des Venus Projektes, aber eine konkrete Umsetzung sehen ich leider nicht. Ich finde man muss die Menschen erst von dem Geld entwöhnen und dann kann man über die Abschaffung von Geld nachdenken. Die Löhne wie in dem Text als Problem dargestellt, sind jedoch kein Problem. Und der Verzicht auf Löhne wird meiner Ansicht nach leider nicht zum Ziel frühen. Hier wird leider eine rein utopische Idee präsentiert, die so nicht umsetzbar ist.
Ein „Entwöhnen“ funktioniert nicht, weil es sich nicht gegen das jährliche Wirtschaftswachstum von mehreren Billionen durchsetzen kann. Genau deshalb haben das Venus Projekt und alle anderen Postwachstumsideen keinen Erfolg.
Warum die Löhne?
Was macht Bosch, wenn die Belegschaft eine Lohnerhöhung durchgesetzt hat? Es müssen mehr Waschmaschinen verkauft werden, weil das Geld für die höheren Löhne nicht vom Himmel fällt. Sie werden dann so konstruiert, dass sie sich nicht mehr reparieren lassen. So einfach funktioniert die zerstörerische Wachstumsspirale. Und nebenbei steigen natürlich auch die Profite.
Die Abschaffung der Löhne wäre eine friedliche Revolution, die jederzeit erfolgen könnte. Die Wirtschaft würde vorerst unverändert weitergehen, nur dass keine Kosten mehr entstehen und alles gratis ist. Was soll daran Utopie sein? Genau so funktioniert die gesamte Reproduktion, ohne die es keine Wirtschaft gäbe!
Damit wären die Voraussetzungen für das Venus-Projekt geschaffen. Auch das Problem der Wuchermieten wäre gelöst, weil die Eigentümer nichts mehr mit den Mieteinnahmen kaufen könnten. So löst sich mit dem Finanzsystem auch das Eigentum an Produktionsmitteln und Immobilien auf. Enteignungen wären nicht erforderlich.
Am besten, du liest mal den Text durch, da ist wirklich alles genau beschrieben.
Hi Eberhard,
ich bin von deinen Ausführungen richtig begeistert und überzeugt; nicht nur weil sie meiner eigenen Vision von Utopia ist machbar.de sehr ähneln, sondern auch weil du die positiven Möglichkeiten von KI und Digitalisierung hervorhebst. Denn damit ist es zum 1. Mal in der Menschheitsgeschichte möglich den Bedarf von 8 Milliarden Menschen zu ermitteln und die Produktions – und Transportwege darauf abzustimmen, dass alle Menschen „just in time“ das kriegen was sie brauchen und welche Arbeiten dafür nötig sind, um das zu realisieren.(Von nüchts, kommt ja bekanntlich nüchts)
Für eine 100%tige Zustimmung/Unterstützung fehlt mir aber ein Punkt: Mangelnde Unterstützung der Bevölkerung
Die macht sich an folgenden Punkten/Argumenten fest:
a) wenn alles umsonst ist, geht keine*r mehr arbeiten
b) nach dem totalen Hamstern, folgen leere Regale und Chaos
c) warum soll ich bei so einem Experiment mitmachen, mit dem Klima ist doch Humbug und ich kann mir auch jetzt schon alles leisten, was ich brauche
d) das ist schreiende Ungerechtigkeit: Die Bankangestellten, Kassierer*innen, Buchhalter*innen, Kontrollettis und Börsianer*innen fahren am Tag X alle in Urlaub oder machen sich einen faulen Lenz und ich als LKW-Fahrer*in, Lehrer*in, Erzieher*in oder Putzmann/frau etc. soll weiter 8-10 h schuppern wie gewohnt?
Das sind leider ernstzunehmende Widerstände. Mein Vorschlag diese zu entkräften wäre ein weltweites digitales Netzwerk zur Vorbereitung der Abschaffung des Geldes. Wenn alle Menschen, die nach Zeit und Art frei gewählte Tätigkeit, (deswegen sage ich nicht Arbeit dazu)die irgendwie für einen anderen Menschen oder der Allgemeinheit nützlich sein kann in das Netz einspeisen würden und dazu natürlich der individuelle Bedarf, kann dank KI gesehen werden, wieviel Zeit für Produktion und Distribution dafür aufgewendet werden müsste. Und bei der Frage, „wenn du für nichts mehr bezahlen müsstest, alles nehmen kannst, was du brauchst und als Gegenleistung z.B. nur 10 h in der Woche eine frei gewählte Tätigkeit, die einem anderen Menschen oder der Gemeinschaft nützt, machen müsstest, wärest du dann glücklicher als heute?“ haben 90% aller von mir befragten Menschen mit „ja“ geantwortet. D.h. die mögliche Änderung der heutigen Arbeitsbedingungen/Arbeitsplatzes hat m.E. eine viel größere Überzeugungskraft für die Abschaffung des Geldes als das Argument „wir können ohne Vorbereitung sofort anfangen“.
Ganz abgesehen davon, würden bei meinem Modell die oben aufgeführten Widerstände entkräftet.
-a) es ist nichts umsonst, jede*r (auch die heutigen Reichen) muss dafür was tun
b) durch das vorher transparent erstellte Netzwerk hat jede*r die Sicherheit, dass es zu keinen Versorgungslücken oder Chaos kommt.
c) fast jede*r hat Lust jenseits seinem/ihren Beruf mal was anderes zu machen
d) jede*r nach seinen/ihren Bedürfnissen, jede*r nach seinen ihren Fähigkeiten – mehr Gerechtigkeit geht nicht
Der übliche Einwand an dieser Stelle: Was ist mit der Drecksarbeit, die keine*r machen will? – 3 Lösungen:
a) Rotationsprinzip: alle müssen mal für ein paar Stunden ran
b) Belohnung: 2 h entfremdete Arbeit zählen wie 1 h selbstbestimmte Tätigkeit
c) Roboter/KI übernehmen diese Arbeit