Was wird passieren?

Eigentlich gehen wir ja nicht alltäglich morgens aus dem Haus weil uns der Gedanke treibt, Geld zu verdienen. Wir gehen aus dem Haus, weil wir es so gewohnt sind. Dass es Geld dafür gibt, ist eher normal, ohne dass man ständig darüber nachdenkt.

Wenn wir zur geldfreien Gesellschaft übergehen, fangen wir ja nicht von Null an. Wir setzen das fort, was bereits besteht.

Wenn die Politiker und vielleicht auch die Verantwortlichen in den Kirchen gute Arbeit geleistet haben um die Menschen entsprechend für den Übergang in diese Gesellschaft zu motivieren, wird zunächst nicht viel passieren. Das Leben geht ganz normal weiter, jeder geht seinem Beruf und seinen Verpflichtungen nach und bekommt dafür kostenlos das was er braucht. Der einzige Unterschied ist, dass kein Geld fließt. Die Menschheit hat beim Covid-19 Lockdown bewiesen, dass auch große Eingriffe in das tägliche Leben mit viel Disziplin gemeistert werden.

Die gesamte Gesellschaft wird sich mit der Zeit wandeln. Der limitierende Gedanke: „Dafür werde ich nicht bezahlt, also mache ich es nicht.“ wird aus den Köpfen der Menschen verschwinden.

Leistung entsteht durch Dankbarkeit und Freude, etwas für andere tun zu können. Diese Dankbarkeit wird die Menschen beflügeln und den Motor der Angst um den Arbeitsplatz oder der Gier nach mehr Lohn ersetzen. Freuen wir uns nicht oft mehr darüber, ein Geburtstagsgeschenk zu übergeben als darüber, es zu bekommen? Das ist ganz einfach eine menschliche Eigenschaft. Genau wie die, am liebsten alles gratis zu bekommen.

Was passiert mit Luxusgütern, die limitiert sind?

Dazu müssen wir erst einmal fragen, warum es Luxusgüter gibt. Menschen haben nicht das natürliche Bedürfnis, mit einem 500 PS starken Geländewagen durch die Stadt zu fahren oder alleine in einem großen Schloss zu wohnen. Diese Bedürfnisse werden geweckt, weil Autohersteller oder Immobilienhändler viel Geld verdienen, wenn sie diese Güter verkaufen. Wenn es kein Geld gibt und man demzufolge keinen Gewinn machen kann, strengt man sich nicht an, um Bedürfnisse zu wecken, die naturgemäß nicht da sind. Wer pflastert mühsam eine Straße, die ins Nirgendwo führt? Ich denke, nach einer Übergangszeit wird niemand mehr das Bedürfnis nach knappen Luxusgütern haben, auch weil die soziale Rangordnung verschwindet. In einem wirklich geschwisterlichen Miteinander gibt es nicht das Bedürfnis, sich mit Äußerlichkeiten hervorheben zu müssen. Und diese Übergangszeit wird so aufregend und spannend sein, dass man das Übergangsproblem mit den Luxusgütern sicher vernachlässigen kann.

Was passiert mit der Leistungsbereitschaft, neuartige Dinge zu entwickeln?

Unsere Leistungsbereitschaft und Neugier wird nicht verschwinden, nur weil es kein Geld gibt. Wir werden weiterhin Ideen haben, und es wird viel einfacher sein, Gleichgesinnte zu finden um die Idee verwirklichen zu können. Wahrscheinlich werden viel weniger Ideen in Schubkästen verschwinden, weil es heute für deren Verwirklichung keine finanziellen Möglichkeiten gibt.

Wir befinden uns in einer sehr schnelllebigen Zeit. Ein Symptom dieser Zeit ist, dass viel zu viel Abfall entsteht und Vorräte aufgebraucht werden, gerade weil neuentwickelte Dinge in immer kürzeren Zeitabständen auf den Markt geworfen werden. Wer trauert nicht dem guten alten Waschautomaten nach, der nicht schlechter war als der neueste, aber 20 Jahre lang gehalten hat. Es würde uns nicht schaden, wenn wir unser Handy vielleicht drei Jahre lang benutzen und nicht jährlich wegwerfen, weil ein Neues angepriesen wird.

Aber wird es dann nicht sein wie in der ehemaligen DDR, wo jede Kreativität ausgebremst wurde?

Ich habe selbst als frischgebackener Absolvent in einem Forschungsinstitut dort gearbeitet. Meine Ideen wurden nicht angehört, weil es eine Hierarchie gab und die Vorgesetzten ihr Geld bekamen, egal ob es Neuentwicklungen gab oder nicht. Warum sollte man sich Mühe geben? Und genau dies ist der Punkt. In der Gesellschaft auf Freiwilligkeit gibt es keine auf Gehaltsstufen begründete Hierarchie. Wenn es eine Idee gibt, bildet sich ein Cluster von Gleichgesinnten, die diese Idee verwirklichen.

Man kann diese neue Gesellschaft überhaupt nicht mit sozialistischen Gesellschaftsformen vergleichen, es ist das komplette Gegenteil. Im Sozialismus gibt es Geld aber kein Eigentum und hier gibt es Eigentum aber kein Geld.

Was passiert, wenn der Markt nicht mehr reguliert?

Der Markt reguliert ja trotzdem, nur die schlechten Eigenschaften, Wachstumszwang auf Kosten unserer Nachkommen und Ungerechtigkeit, die beide auf die Anwesenheit des Geldes gegründet sind, verschwinden. Aber es gibt selbstverständlich Nachfrage und Angebot. Die Regelung, die jetzt durch den freien Markt mit all seinen Nachteilen wie Überproduktion oder Schaffung künstlicher Engpässe erfolgt, wird durch die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten übernommen. Das was jetzt mit Industrie 4.0 angestrebt wird, um konkurrierende große Firmen wettbewerbsfähiger zu machen, wird dann zur allgemeinen Kommunikation miteinander und zur Sicherung des Wohlstandes aller Menschen angewendet.

Große und globale Unternehmen werden in kleinere Unternehmen zerfallen. Der Trend, Arbeitskräfte einzusparen wird sich umkehren und es wird für Viele Beschäftigungsmöglichkeiten geben.

Kleine und mittlere Unternehmen werden zunehmend wie wirkliche Familienunternehmen geführt. Die Eigentumsverhältnisse sind klar und einfach und da der Wettbewerbsdruck entfällt, wird sich die Firmenleitung noch besser um das gute Arbeitsklima kümmern können. Ihr Lohn ist Anerkennung durch die Mitarbeiter, ein guter Lohn.

Ähnlich wird es in der Landwirtschaft sein. Da auch hier der Wettbewerbsdruck entfällt und der Anreiz für das Management, mit Geld reich zu werden, werden die Felder und Ställe wieder kleiner werden. Mit der Zeit wird die Mobilität der Menschen wieder auf ein ruhigeres Maß zurückgehen. Dadurch werden große landwirtschaftliche Flächen, die jetzt für die Erzeugung von Biobrennstoffen gebraucht werden, für die Nahrungsmittelprodukton frei.

Die Zivilgesellschaft, bestehend aus Commons, wird sehr stark anwachsen, da es keinen Unterschied mehr zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit gibt. Jeder wird entsprechend seinen Fähigkeiten und Neigungen eine Tätigkeit dort finden.

Wahrscheinlich wird sich die starke Zivilgesellschaft auch großen Aufgaben widmen, deren Verwirklichung heute undenkbar ist, weil das Geld dafür fehlt. Es könnten Gebiete der Erde, die durch menschliche Tätigkeiten zu Wüsten geworden sind, wieder urbar gemacht werden. Das ist viel einfacher, als die Realisierung von vorliegenden Plänen zur Besiedelung des Mondes oder des Mars.

Unser Freizeitverhalten wird sich in zweierlei Hinsicht ändern. Da die soziale Rangordnung verschwindet weil es keine „Reichen und Armen“ sondern solidarisches Miteinander gibt, werden wir auch weniger Wert auf Äußerlichkeiten legen. Anstatt in das Shopping-Center zu gehen, beschäftigen wir uns mit unseren Hobbys. Natürlich auch deshalb, weil uns niemand durch Werbung zu Neuanschaffungen drängt.

Welche Auswirkungen wird es für unsere Wirtschaft geben?

Man kann sich die Weltwirtschaft ganz trivial vorstellen wie zwei Kreisläufe. Einen kleinen Kreislauf, der die gewöhnliche Nahrungsmittel- und Konsumgüterproduktion, Produktion von Energie, Bereitstellung von Trinkwasser, Dienstleistungen, Handel und den Konsum durch Befriedigung des täglichen Bedarfs umfasst.  

Im kleinen Kreislauf, dem einfachen „Markt“, konzentrieren sich fast alle materiellen Werte. In diesen Kreislauf wird nicht aktiv eingegriffen. Er funktioniert auch nach den Covid-19-Einschränkungen reibungslos. Er wird auch ohne Geld funktionieren, es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln.

Das Prinzip des Marktes beruht auf Wachstum. Da wir aber nicht unendlich viel essen können hat sich ein zweiter Kreislauf herausgebildet. Er hat nichts mit den Bedürfnissen der Menschen zu tun, deshalb nennen wir ihn den spekulativen Kreislauf:

Der spekulative Kreislauf besteht hauptsächlich aus ideellen Werten wie Aktienkursen, Spekulationen mit Öl, Gas, Saatgut, Rohstoffen oder Geldflüssen, globalem Handel, multinationalen Bau- und Pharmaunternehmen, Rauschgift- und Menschenhandel etc. Wenn das Geld verschwindet, wird sich dieser Kreislauf einfach auflösen. Den Menschen, die heute innerhalb dieses Kreislaufes tätig sind wird nichts passieren, da diese ja durch den kleinen Kreislauf versorgt werden und das bleibt auch so.

Natürlich hat das Verschwinden gewisse Auswirkungen auf den kleinen Kreislauf, da viele Dinge dann mit mehr Aufwand produziert werden müssen. Aber das wird auch wieder Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Sicher werden manche Dinge übergangsweise gefühlt knapper. Diejenigen, die das hauptsächlich betrifft – wir in den entwickelten Industriestaaten – leben jedoch im Überfluss, ohne dass wir glücklicher sind als vor einigen Jahren, als der Konsumstandard, den wir fälschlicherweise Lebensstandard nennen, viel niedriger war. Mit diesem Puffer könnten wir den Rückgang der Produktivität auf Grund der Verlangsamung des kleinen Kreislaufes durch den Wegfall des großen Kreislaufes sicher abfedern.

Warum?         Wie?         Demokratie     Die dritte Alternative

Eberhard Licht
Brüssel

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