Sind die Menschen schlecht?

Gestern bin ich mit der Straßenbahn durch meine Stadt gefahren. Als ich an einem der exklusiven Modegeschäfte vorbeikam sah ich, wie dort renoviert wurde. Man hat scheinbar fabrikneue Designerregale in einen Container geworfen und kaputtgeschlagen. Sie waren ja bezahlt. Ist das gut? Ist das schlecht?

Wenn ich von der Abschaffung des Geldes erzähle ist oft die erste Reaktion, dass das unmöglich ist, weil die Menschen von Natur aus schlecht sind. Aber sind wir wirklich von Natur aus schlecht? Oder macht uns nicht vielmehr der Alltag schlecht? Es sind nicht nur die verurteilungswürdigen Dinge wie Drogenhandel, Bankraub oder Geldwäscherei, die gesetzlich als kriminell eingestuft werden. Nein, das Geld überzieht unseren schönen menschlichen Glanz mit einer Korrosionsschicht. Wir sehen, dass etwas auf der Straße liegt aber heben es nicht auf, weil ja der Straßenfeger sein Geld dafür bekommt. Wir nehmen zwei Netze Orangen mit, weil es zwei zum Preis von einem gibt, obwohl wir wissen, dass wir nach einer Woche ein halbes Netz wegwerfen werden. Das ist eindeutig schlecht, es verstößt gegen die guten Sitten aber wir tun es trotzdem. Sind wir jedoch von Natur aus schlecht?

Wir rufen aus vollem Halse: „Geiz ist geil!“. Wir werfen den bis vor einer Woche voll funktionsfähigen, erst etwas über ein Jahr alten Drucker und das Handy der letzten Generation weg. Ein bisschen hilft es uns, dass es ja die Wertstofftonne ist. Das Kostüm aus der Vorjahreskollektion kommt in den Textilcontainer. Nein, wir fühlen uns nicht schlecht. Ja, es ist schlecht was wir tun.

Manchmal sagt man, die Menschen würden nicht mehr ihren Mittelpunkt kennen, ihre wahren Bedürfnisse. Es gibt Coaching-Angebote und Workshops zur Selbstfindung. Aber diese Angebote werden genauso chancenlos sein, den Menschen zu verbessern wie Initiativen begrenzter Menschengruppen, ein alternatives Leben zu führen.

Die Wirtschaft ist stark. Sie muss verkaufen, zu jedem Preis. Und sie nutzt alle Mittel dazu, um neue Bedürfnisse zu kreieren. Der Schrei nach Mobilität ist ein typisches Bedürfnis, das von der Auto- und Mineralölindustrie vor ein paar Jahrzehnten künstlich geweckt wurde. Alle in uns schlummernden Instinkte werden genutzt, die guten und die schlechten. Mit Sicherheit gibt es schlechte Instinkte in uns. Wer wollte nicht schon dem lärmenden Nachbarn Kot auf die Türklinke schmieren oder die Fensterscheibe einschlagen? Aber wir tun es nicht.

Wenn das Geld weg ist, gibt es kaum noch Gründe dafür, diese Instinkte zum Ausbruch zu bringen. 

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