Arbeit und Arbeit

Seit fast drei Jahren arbeite ich ehrenamtlich einen Vormittag pro Woche im Obdachlosenauffang in Utrecht. Die Morgen- und Abenddienste werden von zwei fest angestellten Mitarbeitern der Stiftung sowie von zwei bis drei Ehrenamtlichen geleistet. Es gibt auch eine Küche, in der an jedem Tag des Jahres für etwa 60 Obdachlose ein Dreigänge-Menü von unbezahlten Köchen und Küchenhelfern zubereitet wird.

Während meines Dienstes erledige ich ungefähr dieselben Aufgaben wie ein fest Angestellter, nur mit dem Unterschied, dass ich keinen Cent dafür bekomme. Aber der Dienst für diese bescheidenen, dankbaren, einfachen und freundlichen, lieben Menschen macht so viel Freude, dass ich darüber wirklich noch nie nachgedacht habe.

Seit einigen Jahren arbeite ich überhaupt nicht mehr gegen Bezahlung. Aber selbstverständlich arbeite ich. Ich bin Erzieher, Nachhilfelehrer, Koch, Reinigungskraft, Mechaniker, Lieferant, Unterhalter.

Oft denke ich über den Systemwechsel nach, den wir dringend brauchen, wenn wir unseren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen wollen. Eine Welt, die nicht vom „Kaufen und Wegwerfen“ beherrscht wird sondern vom „Zeit miteinander verbringen“. Es gibt viele Demonstrationen für diese Idee weltweit auf den Straßen aber ich habe den Eindruck, niemand weiß genau, wie man diesen Systemwechsel bewerkstelligen kann. Ich gehe auch regelmäßig mit auf die Straße, kenne die Demonstranten und weiß, dass eine gewaltsame Revolution nicht in Frage kommt. Was ist also zu tun?

In der jetzigen Zeit werden wir vom globalen Markt beherrscht, der ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Wie kann man diesem Markt beikommen? Bezahlte Arbeit ist ein wichtiger Pfeiler dieses Marktes, da durch bezahlte Arbeit ein Abhängigkeitsverhältnis mit dem Markt, bzw. mit dem Unternehmen, welches ja ein Teil des Marktes ist, besteht. Wir wissen, dass die Wirtschaft schrumpfen muss und dass dies wenig Einfluss auf unseren Lebensstandard hat – wenn wir Lebensstandard nicht nur in Kaufen und Wegwerfen sehen. Unsere Technologie ist soweit, dass es ausreichen würde, wenn wir zwei oder drei Tage pro Woche arbeiten. Aber viele Menschen haben Angst vor dem Schrumpfen der Wirtschaft weil sie Angst davor haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dies hat sicher hauptsächlich finanzielle Gründe. Aber ein wichtiger Grund ist auch der Verlust an Persönlichkeit und Selbstbestätigung, die man durch die Ausübung des Berufes bekommt. Dieser Grund würde entfallen, wenn unbezahlte und ehrenamtliche Tätigkeit als Arbeit anerkannt ist. Dann wären viele Menschen bereit, ihre bezahlte Arbeit aufzugeben um sich besser um ihre Familie kümmern zu können und ehrenamtliche Tätigkeiten in der Zivilgesellschaft zu übernehmen, die ihnen Freude bereiten.

Ich finde, der Kampf für die Aufwertung unbezahlter Arbeit muss auch eine wichtige Aufgabe feministischer Aktionsgruppen sein.

Gleichzeitig muss die Zivilgesellschaft definiert werden. Unter Zivilgesellschaft darf man nicht verstehen, sich ausschließlich an politischen Entscheidungen zu beteiligen. Zivilgesellschaft ist alles, was man gerne und ohne finanzielles Interesse für andere tut. Unterstützung in Schulen, Krankenhäusern, Altersheimen, in der Landwirtschaft, bei Reparaturen, Transporten etc. Hier liegt ein gewaltiges Potential. Eine Strukturierung der Möglichkeiten der Zivilgesellschaft wird auch den Arbeitsämtern nützen, die in Zukunft mit einer steigenden Zahl an Arbeitslosen rechnen müssen. Sie werden gerne die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft nutzen, um den Menschen eine Alternative zu bieten. Gleichzeitig müssen sich die Verantwortlichen im Staat überlegen, wie die finanzielle Absicherung der unbezahlt Tätigen erfolgen kann. Da man aber viele Leistungen durch die Zivilgesellschaft kostenlos bekommt, wird man in Zukunft mit weniger Geld auskommen können und das Geld wird auch eine andere Wertigkeit bekommen. Erstmals in der Geschichte sind wir dazu in der Lage, alle Menschen ausreichend versorgen zu können, wenn alles gerecht verteilt wird. Es ist also nicht mehr nötig, Geld als Reserve zurück zu legen.

Sozialökonomen haben nachgewiesen, dass bei unbezahlter Tätigkeit gleiche und bessere Leistungen erbracht werden wie bei bezahlter Arbeit. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die ehrenamtliche Tätigkeit scheinbaren Wohlstand durch eine große Wohnung, ein teures Auto und Belohnungen durch Kaufen ersetzen kann, weil diese Tätigkeit mehr Zufriedenheit schafft, weil man etwas für Andere tut ohne materiellen Lohn dafür zu bekommen. Das wird auch diejenigen ansprechen, die heute noch ihre Freizeit mit dem Besuch von Shopping-Centern verbringen.

Wenn die Zivilgesellschaft sichtbar für alle wächst und konkrete Formen annimmt, wird der Begriff „Wirtschaftswachstum“ in den Argumenten der Politiker durch den Begriff „Zivilgesellschaftswachstum“ ersetzt werden.

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